Eine Hebamme erzählt: Kaiserschnitte für die Klinikquote.

Eine Hebamme berichtet (anonym) über ihre Erfahrungen und Erlebnisse als Beleghebamme einer Klinik. Frauen bekommen dort in vielen Fällen einen Kaiserschnitt – entweder auf Wunsch… oder verordnet. Hauptsache, die aus ökonomischen Gesichtspunkten favorisierte Rate wird erreicht…

„Ich freute mich, als ich nach vielen Jahren Kinderpause von einer freien Belegstelle in einem Krankenhaus mit hoher Geburtenzahl in der Nähe hörte. Das Team – bestehend aus zahlreichen Hebammen – war sehr nett und ich bekam die Zusage.
Ich schwebte im siebten Himmel. Von Anfang an konnte ich ziemlich frei arbeiten.
Meine Motivation war entsprechend hoch. Neben der Begleitung von Geburten lagen mir die wöchentlichen Geburtsvorbereitungskurse und Infoabende, bei denen unser
motiviertes Hebammenteam die zahlreichen Gebärpositionen vorstellte, sehr am Herzen. Immer wieder betonte das Team, das es „engagiert Kaiserschnitt vermeidend“ arbeite.

Öffentlichkeitsarbeit nach Maß

Wunschkaiserschnitte hatten wir auch. Dabei stellte ich mich – wie meine Kolleginnen – anfänglich pragmatisch: Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und Paare steht über unserem Hebammenideal der interventionslosen oder zumindest
interventionsarmen Geburtshilfe und des Kaiserschnitts nur als Notfallmaßnahme.
Nur im Notfall einen Kaiserschnitt zu machen, wäre eigentlich keine große Kunst gewesen, denn die Klientel unseres Hauses entsprach eher der der außerklinischen Geburtshilfe. Da es jedoch weder Hausgeburtshebammen noch ein Geburtshaus in
der Umgebung gab, glaubten die Frauen den Beteuerungen von uns Hebammen und der Ärzte, dass es so ziemlich egal sei, ob sie nun zu Hause oder in der Klinik ihr Kind bekämen.
Die Wunschkaiserschnittpaare wurden von den Belegärzten sehr positiv darauf eingestimmt und sie legten großen Wert drauf, dass eine „gute Stimmung“ bei diesen Bauchoperationen herrschte und im OP gerne gelacht wurde. Besonders der leitende Belegarzt und seine Praxispartner legten großen Wert darauf, dass das Bonding nicht gestört wurde: Sie kannten das Buch von Brigitte Meissner – wir Hebammen wurden instruiert, jegliche „Traumatisierung“ der Wunschkaiserschnittfrauen zu vermeiden. Ein Renner war die Einführung des Baderituals, das von Brigitte Meissner eigentlich als Notfallprogramm nach einem traumatischen Kaiserschnitt ausgedacht war – so verstand ich es zumindest, als ich es las – und nun wurde dies nach dem Hinweis eines Belegarztes als neues Event im Wunschkaiserschnitt-Programmritual unserer Klinik eingeführt.
Es dauerte nicht lange und eine Kollegin war ausschließlich für
Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse der Kaiserschnittfrauen zuständig.
Alles verselbständigte sich in Richtung Kaiserschnitt, weil alle es so laufen ließen. Manche Kollegin entschloss sich mit neuem, lukrativem Tätigkeitsgebiet wie spezieller Narbenbehandlung mit Laser, einen neuen Markt und – nicht zu
unterschätzen – erzielte eine große Wichtigkeit.
Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass der Wunschkaiserschnitt die liebste Tätigkeit der Ärzte war. So lässt sich die Stimmung in der Belegklinik in etwa wie folgt beschreiben: Wir Hebammen gaben an den Infoabenden für die interessierten
Frauen und für die Öffentlichkeit über Flyer sowie Tage der Offenen Tür das Bild der fürsorglichen, super engagierten Hebammen ab. Wir stellten Geburtshelferinnen dar, die zwischen Pezzibällen, Michel-Odent und Frédérick-Leboyer-Büchern, Aromaölen und Hörrohr für mütterliche Hormonausstöße zu sorgen hatten und dafür von den Ärzten und der Verwaltung sehr viel Lob bekamen. Die Schwangeren rannten uns die Bude ein.

Spiel mit der Angst

Nichtsdestotrotz stieg die Zahl der Wunschkaiserschnitte kontinuierlich. Nur ein paar Beispiele: Da gab es die Drittgebärende, deren Kind in der 36. Schwangerschaftswoche – wie seine Geschwister in Beckenendlage lag. Die Geschwister hatten sich kurz vor der Geburt in Schädellage gedreht und waren problemlos und rasch auf dem Weg zur Klinik im Auto geboren worden. Der Kaiserschnitt war auf den zweiten Tag der 38. Schwangerschaftswoche angesetzt – der erste Tag war ein Sonntag. Auf meine Frage an den Belegarzt, warum er denn
nicht den spontanen Wehenbeginn um den Termin wie bei den Geschwistern abwarten wolle, antwortete er: „Auf gar keinen Fall, denn dann dreht es sich ja noch und es kommt wieder nicht in der Klinik zur Welt“.
Dann die ewige „Zu-enges-Becken“- und „Missverhältnis“-Geschichte, die als Indikation vor allem zwei Kolleginnen und ein Arzt „verursachten“. Das war augenscheinlich – und auch die dadurch in ihrem Frausein verunsicherten Gebärenden, die sich wegen ihres angeblich zu schmalen Beckens als halbe Männer
oder stehen gebliebene Jugendliche fühlten.
Oder die völlig verschreckte 17jährige, die von ihren Eltern wegen der Schwangerschaft verprügelt worden war. Ihr Belegarzt konnte ihr glaubhaft versichern, dass sie aufgrund ihrer Minderjährigkeit noch nicht ausgewachsen sei, um ein Kind mit geschätzten 2.500 Gramm spontan zu gebären. Sie erzählte mir, dass sie seit ihrem 14. Lebensjahr nicht mehr gewachsen sei, überragte mich um
einen halben Kopf und besaß keinerlei Beckenauffälligkeit. Den Kaiserschnitt in der 39. Woche ließ sie über sich ergehen, während die Ärzte dabei wieder „für gute Stimmung sorgten“. Das Kind musste wegen starker Adaptationsprobleme in die
Kinderklinik verlegt werden und blieb dort insgesamt fünf Wochen, da sich später noch mehrere Infekte einstellten. Der Kinderarzt sagte bei der Verlegung: „Das Kind entspricht maximal der 36. Schwangerschaftswoche nach dem Petrussa-Index
(Punkteschema zur Bestimmung des Gestationsalters nach somatischen Reifezeichen).
Diese und andere haarsträubende und an den Haaren herbeigezogenen Indikationen machten mich immer nachdenklicher. Die Frauen und Paare wurden entweder für dumm verkauft oder mit hinterhältigen Panikgeschichten geködert. Den Kolleginnen sagte ich immer häufiger in spitzem Ton: „Ach, wieder ein Kaiserschnitt auf speziellen Wunsch von Dr. X oder Dr. Y“, um einfach ein wenig vom Druck abzulassen, der sich in mir aufbaute. Mir gingen die immer gleichen, blöden Witze der Ärzte im OP-Saal auf den Geist, während sie oft missmutig neben mir bei den Spontangeburten standen, gähnten und den gewaltigen Zeitbedarf der vaginalen Geburt vor dem Paar kritisierten. Immer öfter musste ich mich vor den Belegärzten rechtfertigen, weil ich bei Erstgebärenden „so lange Dammschutz mache“ und ihre Zeit stehlen würde, „nur wegen des goldenen Kalbes ‚intakter Damm’ oder einer unbedingten Spontangeburt“.

Unter Druck

Ich begann vorsichtig, bei den Kolleginnen anklingen zu lassen, dass ich langsam Probleme mit den Wunschkaiserschnitten bekäme. Ihren Reaktionen entnahm ich, dass sie mich verstanden, aber sie auf gar keinen Fall ihre gute Stelle mit Super-
Verdienst „dafür“ aufs Spiel setzen wollten. Nach der Abnahme eines weiteren Wunschkaiserschnittkindes brach ich am Hebammenstützpunkt weinend zusammen und sagte, dass ich ab jetzt keine Wunschkaiserschnitte mehr begleiten wolle.
Das war für alle Seiten auch ok. Die Kolleginnen freuten sich offensichtlich über den zusätzlichen, leichten Verdienst; diese eineinhalb Stunden „Arbeit“ waren ja auch für sie gut zwischen Nachsorgen und Freizeit einplanbar. Sie sagten dies jedoch nie
offen, sondern eher mit einem scheinbar betroffenen Seufzen: „Ach, dann nehme ich dir mal die Arbeit ab, die du nicht machen möchtest“.
Den Ärzten war es vollkommen egal, welche Hebamme das Kind abnahm. Hauptsache sie war „in guter Stimmung“ und erfüllte mit ihrer „Abnahme“ die gesetzlichen Bedingungen, dass immer eine Hebamme bei der Geburt dabei sein muss.
Bis die Paare anfingen zu fragen, warum ich keine Wunschkaiserschnitte begleite.
Sie hatten davon Wind bekommen und stellten die Fragen offensiv während der Kurse und beim Infoabend. Ich antwortete ehrlich: „Der Kaiserschnitt ist für mich eine fantastische Notfallmaßnahme, aber bei den allermeisten Geburten mit einer
geduldigen und abwartenden Begleitung vermeidbar“. Meine Ehrlichkeit kam bei den Paaren gut an und sie hinterfragten die Indikationen und Ratschläge der Ärzte zum Kaiserschnitt. Das ging den Ärzten gegen den Strich und sie meldeten der
Verwaltung, dass ich ihre Kaiserschnittindikationen und –raten bei den Paaren hinterfrage und damit geschäftsschädigend agiere. Schnell kam der für Finanzen zuständige Mitarbeiter auf mich zu. Zusammen mit den Ärzten habe er herausgefunden, dass meine viel zu geduldige Arbeitsweise in den vergangenen
Jahren zu einer niedrigeren Kaiserschnittrate geführt habe, die Klinik aber mit mindestens 26 Prozent Kaiserschnitten rechne, um rentabel sein zu können.
Bei diesem „intensiven“ Gespräch wurde mir klar gemacht, dass ich ab jetzt die Arbeitsweise meiner Kolleginnen annehmen solle, damit die Kaiserschnittrate wieder erreicht werde – dazu gehöre auch die Begleitung der Wunschkaiserschnitte und dazu gehöre auch eine größere Nachgiebigkeit meinerseits, was die Indikationsstellung für eine sekundäre Sectio anbelange.
Der Finanzchef: „Nehmen Sie sich doch einfach ein Beispiel an Ihren Kolleginnen, die können es doch auch alle. Die müssen auch nicht jede Frau durch eine Spontangeburt schleifen, sondern lassen es auch für sich leichter angehen und sagen dann mal bei einer Frau, die sich schwer tut, dass jetzt einfach ein
Kaiserschnitt nötig ist“.

Schadens- und narbenfrei!

Ich saß da – vor und neben diesen ganzen Menschen – und zweifelte, ob ich es hier noch mit solchen zu tun habe oder mit Zombies, die ständig nur Eurozeichen in den Augen und Geld im Kopf haben. Ich ließ mir das Ganze noch ein paar Dienste durch
den Kopf gehen. Heute weiß ich, dass ich diese Zeit nach den ganzen Jahren, die für mich auch mit sehr schönen Geburten, Kursen und Kolleginnenkontakten verbunden waren, für den Abschied brauchte; denn meine Entscheidung war schon lange gefallen. Meine Maxime „Ich begleite die Frauen so, wie ich von meiner Hebamme begleitet wurde – schadensfrei und narbenfrei an Körper und Seele, egal ob sich die Zeit ‚rechnet’“ – konnte ich nicht aufgeben.
Schön war auch das Wissen, das Glück zu haben, in einem Land zu leben, in dem ganz schnell der seltene, dringend notwendige Kaiserschnitt durchgeführt werden kann, wenn nicht kostbare Ressource durch unnötige Kaiserschnitte verbrannt wird.
Was macht eine Klinik eigentlich, wenn eine Frau mit starken Blutungen oder Nabelschnurvorfall von zu Hause kommt und OP sowie Personal wegen einer Lifestyleoperation auf Kassenkosten leider gerade „besetzt“ sind? Egal, ob dies die Frau wirklich von sich aus wollte oder es eher dem Wunsch ihres Gynäkologen
entsprach?
Ich verließ erhobenen Hauptes die Klinik – aber unter Schock. Die vergangenen Monate hatte ich gebraucht, um mir überhaupt klar zu werden, was hier gelaufen war. Ich war zwischendurch auch wütend. Den Kolleginnen hatte ich zuvor schon gesagt, dass ich mich niemals für Geld verkaufen wollte. Manche zuckten mit den
Schultern, andere blickten mich mitleidig an, würde ich doch kaum mehr einen solch lukrativen Job zu derart günstigen Bedingungen in einem netten Team bekommen.
Der Klinikdirektor sagte mir beim Abschied, dass er mein Ausscheiden sehr bedauere, da mir fachlich und menschlich nie etwas vorzuwerfen gewesen sei und ich große Popularität bei den Paaren und Kolleginnen genossen habe. Er müsse jedoch wirtschaftlich denken und agieren und da könne er solche weichen Züge keinesfalls dulden, da „er auch sehen müsse, wo er mit seiner Klinik bleibt“.

Blick nach vorn

Lange habe ich darüber nachgedacht und den Kolleginnen vorgeworfen, dass sie Frauen bewusst „ins Messer laufen lassen“ – was auf die Wunschkaiserschnitte auf jeden Fall zutrifft. Eine solidarische Aktion, bei der alle Hebammen Mitspracherecht
bei der Indikationsstellung oder zumindest beim Gespräch mit dem Paar gefordert hätten, wäre ein wichtiger Schritt in Richtung „faire Aufklärung“ gewesen. Doch keine zeigte sich hierzu bereit. Was die andere „Sache“, Kaiserschnittrate der Kolleginnen bei den sekundären Sectiones anbelangt, kann ich sagen, dass jede für sich „ihre“ Geschichte diesbezüglich hatte. Bei der einen war es Bequemlichkeit, bei der anderen fehlendes Wissen, bei der Dritten waren es Panik und Angst.
Ich habe heute meinen Frieden gefunden, nachdem ich zwischendurch gehadert habe, meinen Beruf aufzugeben, weil ich diese extreme Ökonomie einfach nicht mit der Begleitung von Menschen zusammen bringen kann. Inzwischen habe ich eine
Kollegin kennen gelernt, die bereits 2003 ihren Belegvertrag aufgelöst hatte, weil sie ebenfalls keine Wunschkaiserschnitte mehr begleiten wollte. Sie hat heute eine erfolgreiche Hebammenpraxis und begleitet ausschließlich Paare bei Hausgeburten.
Absolut sicher kann ich mir die Frage beantworten: Wo gehöre ich mit meiner Einstellung hin? Jedenfalls nicht auf die tote, eiskalte, finanzpolitische Seite, sondern mit bestem Gewissen neben die Frauen und Familien – auf die Sonnenseite des Lebens.“

Geteilt auf fb vom Geburtshaus Ingolstadt http://www.geburtshaus-ingolstadt.de/gbh.html

Eine Hebamme berichtet – anonym in der Deutschen Hebammenzeitschrift 02/2008 – über ihre Erfahrungen und Erlebnisse als Beleghebamme in einer Klinik. Frauen bekommen dort in vielen Fällen einen Kaiserschnitt – entweder auf Wunsch… oder verordnet. Hauptsache, die aus ökonomischen Gesichtspunkten favorisierte Rate des Hauses in Höhe von 26 Prozent wird erreicht…

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